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Samstag, 4. Februar 2017

[ #demokratie ] Die politische Rolle der Öffentlichkeit (unter besonderer Berücksichtigung des Web 2.0)

"Wir befinden uns mit dem Übergang ins Internetzeitalter in der Postmoderne: Die  Moderne leidet an Auflösungserscheinungen („-post―), trägt jedoch den Aufschwung in eine nächste Moderne schon in sich." (S. 294)

Eine ausgesprochen kluge und saubere Dissertationsarbeit von Frau Ariane Windhorst aus dem Jahr 2010 steht kostenfrei (privat. "öffentlich") nutzbar im Internet, Damit ist die Arbeit selber bereits ein Beitrag und Beleg über die Kraft einer "neuen Moderne" die Web 2.0 bewirken kann.

Die Breite der Arbeit, die Fülle der zusammengetragenen Gedanken und Ideen für die Demokratie von der Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart macht deutlich, dass der Diskurs über Öffentlichkeit heute ein globaler sein muss, dass er aber historisch ein europäisches Exportgut ist. Trotz beinahe 1000 Fußnoten wirkt die Arbeit nie eklektisch sondern zieht sich die Organisierung des Gemeinwohls durch Öffentlichkeit als roter Faden durch die gesamte Arbeit. Jede Fußnote ist das was Fußnoten sein sollten: eine Belegstelle. Eine Belegstelle für Öffentlichkeit als zentrales Element der Demokratie.

Kein Feind der Demokratie,keine Gefahrenquelle der Öffentlichkeit kann das Vertrauen der Autorin in eine gute Zukunft durch die Mittel der Öffentlichkeit erschüttern. Und Öffentlichkeit ist für sie auch in Zeiten des Internets noch immer Pressefreiheit, Informationsfreiheit, Medienfreiheit und journalistische Verantwortung. Sie zeigt auch, dass das Internet allein kein Heilmittel ist, dass die vielen Erzählungen die politische Identitätsfindung atomisieren kann, dass mehr Privates öffentlich wird als Öffentliches privat zugänglich.

Doch nie verliert sich die Arbeit in Gejammer über die Zustände - die nicht beschönigt und nicht verschwiegen sind -  sondern baut immer auf das Prinzip Hoffnung, vertraut immer darauf, dass es eine Zukunft gibt, erkennt in der Unordnung der Auflösungserscheinungen des Überkommenen bereits den Keim des Neuen.

Der Keim des Neuen entpflichtet aber den Weltbürger nicht, ist keine Ideologie der unsichtbaren Hand die alles zum Guten wendet. Es bedarf weiter, immer des Citoyen. Deshalb sollte dieses Kompendium nicht nur in keinem "virtuellen" Bücherregal eines politisch denkenden "Öffentlichkeitsarbeiters" fehlen, es muss auch gelesen und verstanden, in die tägliche Praxis implentiert werden,

 [citizen|BürgerIn|citoyen]
Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis sagt schon mehr als 1000 Worte:

Inhalt
INHALT 5
Vorbemerkungen 14
Prolog: Demokratie schwindet, wenn Öffentlichkeit schwindet 17
1 TEIL: RECHT 23
1.1 Politische Öffentlichkeit und Gerechtigkeit 23
Die Polis – Das Forum der Freien 24
Arendts Idee von einer gemeinsamen Welt 26
Politisches Handeln im Spiegel 27
Die Halle des Volkes ist der öffentliche Raum 28
Politische Öffentlichkeit ohne Medien 29
Buchdruck - Flugblätter- Presse- Revolten  31
Die Sphären und das Recht auf Freiheit  33
Arendt vs. Habermas: politisches Handeln vs. kommunikatives Handeln? 34
Presse macht Druck 36
Wirtschaft und politisches Handeln 38
1.2 Öffentliche Meinung als Wahrnehmung 39
Öffentliche Meinung als „unscharfer Zustand― 40
1.3 Wie viel öffentliche Freiheit ist rechtens? 42
Das Recht auf Freiheit in Staatsrechtsphilosophien 42
Machiavellis Fürst und die PR in Krisenzeiten 44
Hobbes Leviatan – ein öffentliches Monster 45
Montesquieu, Locke, Rousseau klären auf  46
Kants öffentliche Rechtslehre  47
Hegels Öffentlichkeit und ihr Recht auf Freiheit 48
Tocquevilles Presse im Zeitalter der Gleichheit  49
Marx/Engels herrschende Gedanken 50
Globale Gerechtigkeit - Weltbürgertum  52
Massendemokratie 53
Exkurs: Die Entstehung des Begriffs Demokratie nach Meier 57
Utilitarismus, Kapitalismus, Liberalismus, Globalisierung 57
Gerechtigkeit: Checks and Balances im Öffentlichen Raum 60
1.4 Strukturwandel der Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert  64
Totalitarismus und Öffentlichkeit 64
Öffentlichkeit im Nationalsozialismus 66
Zensur, Geschichtsfälschung, Genozid 67
Exkurs: Rote Khmer und öffentliche Vergangenheitsbewältigung 68
Regression, Anomie, Weltlosigkeit und Gehorsam 69
Strukturwandel der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit.. 70
Aufbau nach dem „Nie wieder!―-Prinzip 70
Wer muss vor wem beschützt werden? 71
Die Bonner Medienrepublik - Mächte balancieren sich aus 72
Neu-Demokraten integrieren die alten Garden 77
Exkurs: Die Öffentlichkeit als Mitläufer  78
Strukturelle Belastung: Spießer gegen Jugend  79 7
Exkurs: „Spiegel-Urteil― 80
Politische Presse in der jungen Bundesrepublik 83
1960er: Eine Gegenöffentlichkeit entsteht: Counter-Culture  84
Die Öffentlichkeit spaltet sich: Junge Erwachsene scheren aus 84
Exkurs: Familie 84
Die Beat-Generation, Underground und Kontrakultur  85
„Mehr Demokratie wagen― 86
1970er: Weitere Teilöffentlichkeiten entstehen 87
Der Bruch: Fressen ihre Kinder die Demokratie? 90
Rechts-Links Polarisierung der Teilöffentlichkeiten 91
Verlangsamter Strukturwandel in den 1980ern:  94
Plurale Zivilgesellschaft ohne Sprengkraft 94
Atomgefahr atomisiert Widerstand 99
Die 90er unter Kohl: Das System bleibt stabil  102
Die neue Mitte: Alternativlosigkeit 104
1.5 Äußere und innere Feinde – Der Rechtsstaat garantiert „wehrhafte
Demokratie― 105
Aporie - das Recht, sich Rechte zu erkämpfen  105
Exkurs: La grande terreur  106
Exkurs: Herrschaftsbegrenzung statt Herrschaftsbegründung 107
Innere Feinde 110
Unerhörte erhalten politische Macht durch Öffentlichkeit 110
Öffentliche Moral contra Justitia 110 8
Reformer, Renegaten und Relegation 112
Zivilgesellschaft am Rande der Legalität – Antiautoritäre Autonome  116
Exkurs: Lyotards Legitimierung der Legitimierung  118
1.6 Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert  118
Die Berliner Republik: Das Recht zum Widerstreit wird genutzt 119
Öffentliche Kritik. 119
Bürokratie – Hegemonie der „Staatsdiener―  121
Licht ins Dunkel: Informationsfreiheit  123
Exkurs: Amtsgeheimnisse 124
Staatsräson in demokratischen Systemen der Moderne 125
9-11- PATRIOT Act – USA seit neun Jahren im Notstand? 126
Exkurs: Mc Carthys Hexenjagd  128
Fazit Recht: Checks and Balances im Öffentlichen Raum 128
2 TEIL: MACHT 131
2.1 Exkurs: Die Poesie der systemtheoretischen Biophysik des Staates 131
2.2 Politikmüdigkeit als Indikator für postdemokratische Tendenz?... 134
2.3 Presse und Parlament als Ersatz für die Polis  135
2.4 Deliberativer Mediendiskurs 136
Wählen – Macht und Ohnmacht der Öffentlichkeit 136
Wahlen entscheiden über Macht und Ohnmacht der Politiker  136
Nichtwählen als politisches Handeln? 139
Das passive Staatsbürgertum 143 9
Exkurs: Wie der Bremer Senat Nichtwähler einschätzt 145
Europa: Kein Raum, keine Wahl, keine Macht 146
Partizipation und Plebiszit – Macht gibt ungern Macht ab.. 148
Vox Populi – die Weisheit der Vielen? 149
Macht ohne Rechenschaft  151
Die Macht der Mächtigen mächtig zu bleiben 152
2.5 Kommunikationsforschung: Äpfel mit Birnen vergleichen 154
Empirische Wahlforschung 156
Einzige Erkenntnis: Viel hilft viel 157
Öffentlichkeit ist unberechenbar - Probleme empirischer
Kommunikationsforschung  159
Prognostische Berechnungen und Messungen von Einstellungen unmöglich159
Reziproke Verstärkung einer seltsamen selbstreferenziellen Wahrnehmung160
2.6 Kommunikationstheorien als praktische Lösung 161
Einschaltquote: Der kleinste gemeinsame Nenner 162
Wissenskluft-Hypothese 163
Meinungsführer/Opinionleader  163
Thematisierungs Ansatz /Agenda Setting Approach 164
Gatekeeperforschung 164
Zwei-Stufen-Modell/Two Step Flow of communication  164
Theorie der Schweigespirale  164
Bandwagon-Effekt 165
Weitere Modelle 165
2.7 Die systemtheoretische Physik der Kräfte der Macht  171
Axiom A: Politische Kommunikation ist mehrdimensional transaktional, wie
das politische System selbst 171
Axiom B: Kommunikative Mittel sind jedem Zweck heilig 171
Axiom C: Öffentlicher Energieerhaltungssatz in chaotischen Systemen  173
2.8 Kommunikationspraxis: Gleichgewicht und Tausch? 175
These und Antithese  176
Ungleichgewicht durch PR und strukturelle Schwächen der Presse 176
„Fürstliche Reformlüge― 177
Synthese? 178
2.9 Tausch und Täuschung 179
Der Nachrichtenmarkt 179
Kleinbürgerkrawall – Aufmerksamkeit - Macht 180
Beachtung ist käuflich 181
Verräter nützen der Presse 183
Die Presse nützt Verrätern 184
Reagibilität und Persuasion 185
Lobbyismus: Manipulation der Öffentlichen Meinung und der Gesetzgebung186
Guerilla Lobbying  188
Exkurs: Erfolglose Pressekampagnen 189
2.10 Image 190
Abgestufte Chancengleichheit 192
Bild dir deine Meinungen  193
Exkurs: Politiker-Images im Vergleich 195
Attraktivität 197
Image als Verstärker systemerhaltender Kraft 197
2.11 Politainment 198
Sprache – Metaphern als Programmierung politischen Denkens  203
Das Unaussprechliche und der Historikerstreit 208
Symbole 209
Leadership  212
2.12 Psychopathologische Öffentlichkeit 213
Pathologische Erstarrung? 214
2.13 Der mündige autonome Bürger vs. Pressekonzentration und
Monopolisierung... 216
De-Liberalisierung zugunsten von Deliberation?  217
Fazit Macht: Checks and Balances im Öffentlichen Raum 218
3 TEIL: FREIHEIT 221
3.1 Internet – Das Chaotische System der postmodernen Öffentlichkeit? 221
Liberté und Egalité... 221
3.2 Neue Medien – neue Öffentlichkeiten 222
Der Übergang ins Internetzeitalter ist postmodern 225
Der aktuelle Strukturwandel der Öffentlichkeit... 227
Arbeitslosigkeit und Freizeitverhalten bleiben Privat 229
Fraternité?  231
Informationsflut durch kleine Erzählungen 231
Werden die neuen Medien der neuen Polis wieder die alten sein? 235
Neue Leitmedien unter neuer Leitung für den Über-Überblick 237
3.3 Technische Modi: Medien erster und zweiter Ordnung 243
Exkurs: Glossar  244
Rückkopplung: Jeder Sender nun auch Empfänger!  246
Segen und Fluch der technischen Reproduzierbarkeit 248
Konstruktivismus 252
3.4 Web 2.0 als osmotisches Medium – Diffusion erwünscht 255
Körperliche Macht vs. virtuelle Macht  256
Exkurs: SIWOTI Syndrom – ein Diskursphänomen im Web 2.0  260
Verschwörungstheorien und Säkularisierung 261
E-Demokracy vs. Massendemokratie 263
„Obamania― und „E-Bama― 266
3.5 Arkanpolitik, Anonymität und Datenschutz 269
Überwachung und Kontrolle öffentlicher Kommunikation 271
Exkurs: SPD Onliner gegen Zensur im Internet 277
La plus grande terreur: Schreckensherrschaft durch Terrorbekämpfung? 278
Web 3.0 – künstlich-ontologische Semantik im totalen Cyberspace?― 281
Open Source als 5. Gewalt? 286
3.6 Grenzen der Demokratie in der globalen Grenzenlosigkeit 288
Globaler Umweltschutz fordert undemokratisches Durchgreifen 289
4 SCHLUSSBETRACHTUNG: DIE POLITISCHE ROLLE DER
ÖFFENTLICHKEIT ALS GARANTIN DES GEMEINWOHLS 291

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