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Dienstag, 10. Mai 2011

Der "getürkte" Meldezettel von Hans-Peter Martin


Es sind über 30 Jahre her, dass ein junger Vorarlberger als Buchautor Furore machte. Hans-Peter Martin schlankes Büchlein "Nachtschicht - Eine Betriebsreportage" veränderte die politische Lage eines ganzen Bundeslandes. Die Herrschaft der Vorarlberger Textilindustriellen in der Vorarlberger Landespolitik war mit einem Schlag in Frage gestellt.

Drei Monate lang arbeitete der damals wohl gerade 20 Jahre alte Hans-Peter Martin als Hilfsarbeiter in Österreichs größtem Textilbetrieb. In dem authentischen Erlebnisbericht schildert Martin die schier unglaublichen Zustände in diesem Unternehmen.

Für Vorarlberg hat dieses erste Buch von Hans-Peter Martin bis heute eine Bedeutung. Es ist faktisch die einzige Darstellung in Vorarlberg über die Herrschaft der Textilindustriellen im Nachkriegsvorarlberg geblieben. Die offizielle Industriegeschichtsschreibung wurde von Hans Nägle "geleistet", einem ehemaligen NSDAP-Mitglied und vertrauten der Vorarlberger (nationalsozialistischen) Textilindustriellen.
Zum Lesen/Vergrößern anklicken (Vorarlberger Nachrichten vom 25. Mai 2009)Kommentar von MMag. DDr. Arnulf Häfele, ehemals Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Vorarlberg
In einem Anhang von dem Vorarlberger Mag. Anton Schneider wird die wirtschaftspolitische Lage Vorarlbergs als Folge der Herrschaft der Textilindustriellen (vormals beinahe allesamt bei der NSDAP) aufgezeigt: Statt zu investieren hatten die Vorarlberger Textilindustriellen in ihrer Sprache "Fremdarbeiter" als Billigarbeiter massenhaft ins Land geholt. Die Textilindustrie Vorarlbergs hatte schon 1977 einen Ausländeranteil von 36 Prozent! Doch nicht genug, Hämmerle investierte damals nazistisch "heimattreu" in dem faschistischen Salazar-Portugal und in dem ebenso faschistoiden Apartheid-Südafrika. Doch die Analyse von damals stimmte: Mit einer aus nationalsozialistischer Zeit geretteten Ausbeutungs- und Betriebsgemeinschaftsphilosophie ließ sich das Unternehmen nicht dauerhaft halten und seither konnte man Tag für Tag den Niedergang konstatieren. Im August 2008 ging das konkursreife Unternehmen dann in die Hände der indischen (!) Oswal Gruppe über.

Für mich hatte das Buch damals persönliche Folgen. Als Sozialdemokrat hatte ich Sympathie für das Engagement von Hans-Peter Martin, den ich bis dorthin lediglich als Herausgeber einer auch schon offiziell ausgezeichneten Schülerzeitung kannte. Ich hatte ihm damals den getürkten Meldezettel mit meiner Unterschrift für seine "Walraff-Karriere" bei F.M.Hämmerle geliefert - ohne viel darüber nachzudenken, wie ich zugeben muss und ohne zu begreifen, was dieser junge Mensch damals zu bewirken und wirken startete. Als Angestellter - der schon damals von ÖVP/FPÖ unter Mitwirkung der Textilindstrie regierten Vorarlberger Arbeiterkammer - wurde ich deshalb gerügt und erhielt eine negative Eintragung in meinem Personalakt. Meine - vom ÖAAB dominierten Angestelltenbetriebsrat der Firma Hämmerle geforderte - Entlassung aus der Vorarlberger Arbeiterkammer wollte man angesichts der weit über Vorarlberg hinaus reichenden Aufmerksamkeit die Hans-Peter Martin mit seinem Büchlein erreicht hatte, nicht realisieren. Die Herrschaft der braunen Textilindustriellen im Nachkriegsvorarlberg war gebrochen, ihr Arm reichte nicht mehr weit genug. Das war der unbezweifelbare Erfolg des jungen Journalisten Hans-Peter Martin.

Die engagierten Sozialdemokraten Vorarlbergs freuten sich, als Hans-Peter Martin 1980 den Dr. Karl Renner-Förderungspreis für Publizistik erhielt. Wenig bekannt auch, dass er noch 1997 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch erhielt.

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