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Dienstag, 10. April 2012

Dolmetschen im Gesundheitswesen: Ethische Pflicht – ökonomische Notwendigkeit

In Vorarlberg werden Dolmetschleistungen in den Krankhäusern den  MigrantInnen verwehrt. Der ÖVP-Landesstatthalter Wallner folgt damit der menschenverachtenden FPÖ-Demagogie mit einer menschenrechtsverweigernden  Politik auf dem Fuße.

Anders etwa in Salzburg oder der Schweiz. Dort wird sogar daraus ökonomischer Nutzen gezogen. In vielen interkulturellen Studien konnte inzwischen ein vielschichtiger, komplexer  Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit nachgewiesen werden. Sie alle weisen darauf hin, dass durch mangelnde Verständigung eine gute Behandlung gefährdet ist. So zeigen etwa Ergebnisse im Bereich der Schmerztherapie, dass PatientInnen mit Migrationshintergrund Gefahr laufen, unzureichende Schmerztherapie zu erhalten. „Durch den Einfluss von Sprachproblemen auf die Gesundheit entstehen erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem. Transkulturelle Kompetenz im Krankenhaus ist für uns ein gesundheitspolitischer Auftrag, dem die Gesundheitseinrichtungen gerecht werden müssen. Eine optimale medizinische Behandlung zu gewährleisten steht an oberster Stelle unserer Bemühungen.“ sagt etwa Salzburgs Soziallandesrätin Erika Scharer.

Migration ist ein globales Phänomen. Weltweit werden ungefähr 200 Mio.  Menschen als MigrantInnen gezählt. In Österreich sind ca. 10 Prozent der Bevölkerung  ausländischer Herkunft. Der Großteil der Menschen mit Migrationshintergrund lebt in Städten und Stadtregionen, wie sie auch das Vorarlberger Rheintal und der Walgau darstellen. Der Anteil der Bevölkerung mit ausländischer Staatsangehörigkeit und/oder ausländischem Geburtsort ist im Bundesland Vorarlberg damit regional unterschiedlich hoch.  Der AusländerInnenanteil liegt in Vorarlberg im Landesdurchschnitt bei rund 13 Prozent. Vorarlberg hat damit nach Wien (20 Prozent) den zweithöchsten AusländerInnenanteil und liegt über dem österreichischen Durchschnitt (10,4Prozent). Die Stagnation der letzten Jahre ist weniger auf den negativen Wanderungssaldo, sondern vor allem auf die vorgängig hohen Einbürgerungszahlen zurückzuführen.

Schweiz: Ethische Pflicht – ökonomische Notwendigkeit. Wenn Sprachbarrieren überbrückt werden, senkt dies Gesundheitskosten. Um dieses viel benutzte Argument für Interkulturelles Übersetzten wissenschaftlich zu belegen, hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Vorstudie «Kosten und Nutzen des interkulturellen Übersetzens im Gesundheitswesen» in Auftrag gegeben. Verständigungsprobleme haben im Gesundheitswesen weitreichende negative Folgen, die durch interkulturelle Übersetzer oder Übersetzerinnen verhindert werden könnten. Ihr Einsatz im Gesundheitswesen ist nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern auch aus ethischen Gründen (z. B. Chancengleichheit beim Zugang zu medizinischen Leistungen) und juristischen Gründen (z. B. Aufklärungspflicht vor medizinischen Eingriffen) erforderlich. Doch auch ökonomische Argumente sprechen dafür.
Fouad Mathari, ein Zahnarzt aus dem westlichen Iran, erlebte nach abenteuerlicher Flucht in die Schweiz eine weitere Odyssee: Während sechs Jahren irrte er von Arzt zu Arzt, um seinen schwindenden Gehörsinn und den nervtötenden Tinnitus zu behandeln, bis er – dank einer interkulturellen Übersetzerin – endlich operiert wurde. Heute ist sein Gehör tadellos, er fühlt sich wieder als vollwertiger Mensch.
Effizienzgewinn. Auf der Nutzenseite des Dolmetschservices steht klar der Effizienzgewinn. Dieser ist insbesondere dann wahrscheinlich, wenn Verständigungsprobleme zu einer medizinischen Überversorgung der allophonen PatientInnen führen. Beispiele dafür sind unnötige Spitaleinweisungen oder Diagnoseuntersuchungen, die durch Unsicherheit und mangelndes Verständnis zwischen Arzt bzw. Ärztin und Patient bzw. Patientin entstehen. Den indirekten Nutzen des Interkulturellen Übersetzens sehen die Autoren in der besseren Gesundheit, respektive im Verhindern negativer Krankheitsverläufe und der entsprechenden Kosten. Sei es, dass dank des Übersetzens vermehrt rechtzeitig eine adäquate Behandlung eingeleitet werden kann oder sei es, dass die Patienten bzw. Patientinnen Sinn und Ablauf der Therapie besser verstehen, diese besser befolgen und somit schneller genesen.

Globale Migration – lokale Lösungen im Gesundheitswesen.

Der Dokumentarfilm "Verstehen kann heilen", der im Inselspital Bern gedreht wurde, zeigt beispielhaft den konkreten Umgang von drei Kliniken des Berner Inselspitals mit der Diversität von PatientInnen sowie Mitarbeitenden. Er zeigt auf, wie viel die Inanspruchnahme interkultureller ÜbersetzerInnen zur Genesung der PatientInnen beitragen kann (im Film werden zwei MigrantInnen während ihrer Therapie begleitet).

In einem dazu erschienen Handbuch hat es eine Checkliste zu "Dolmetschen und Übersetzen" (Seiten 63 - 70): Hier finden sich Anregungen betreffend Einsatz und Sicherung der Verfügbarkeit von interkulturellen ÜbersetzerInnen. Das Handbuch inkl. DVD erhält man gratis bei: H+ Die Spitäler der Schweiz, Geschäftsstelle, Lorrainestr. 4A, 3013 Bern, geschaeftsstelle@hplus.ch

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