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Freitag, 25. April 2014

[ #aktion ] Critical Mass

Critical mass (engl., dt. kritische Masse) ist eine international verwendete Form der direkten Aktion, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer (hauptsächlich Radfahrer) scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Protestfahrten durch Innenstädte mit ihrer bloßen Menge und ihrem konzentrierten Auftreten auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Individualverkehr aufmerksam zu machen.
 
Sexy, lustig, engagiert. Auf der Website der österreichischen Critical-Mass-Bewegung heisst es dazu: "Wir fahren gemeinsam einmal im Monat mit dem Fahrrad durch die Stadt und nehmen uns den Raum der uns im Alltagsverkehr verweigert wird. Wir sind eine kritische Masse die einmal im Monat die unreflektierte Dominanz der Autos in der Stadt durchbricht und aufzeigt. Wir lassen uns nicht länger an den Rand drängen. Wir sind ökologisch, leise, lebenswert, platzsparend, lustig, ökonomisch, sexy, engagiert. Und wir haben Spass dabei !! Autos machen Lärm, wir machen Musik!"

Die Organisatoren sind zwar zeifellos politisch, doch sie geben sich recht nett. Dabei ist die Besetzung öffentlichen Raumes für eine alternative Nutzung oder Nutzung durch nichtprivilegierte Gruppen doch eine überaus politische Initiative. Sie hat etwas von der Rückgewinnung von Raum für die Öffentlichkeit, wie sie der Hausbesetzer- und ursprünglichen Jugendhausszene eigen war. Es ist der Konflikt zwischen öffentlichem und privaten Gut, zwischen privatem Raubbau und gemeiner Allmende.

Flashmob. Doch derartige Assoziationen will man dort möglichst nicht aufkommen lassen, mögliche Sympathisanten nicht vergrämen, nicht jene von der Teilnahme abhalten, die die Teilnehmer erst zu jener "Kritischen Masse" werden lassen könnten, die eine Kettenreaktion produzieren kann. Und so hat das ganze Spektakel - vielleicht auch zu Unrecht - etwas von den unpolitischen Flashmobs. Die deutsche Website formuliert die Annäherung daran auch fast wörtlich:  "Critical Mass der organisierte Zufall" um in der zweiten Hälfte des Satzes augenblicklich bewusst gewordenen Stumpfsinn zu widerrufen und sogleich wieder in den alten zu verfallen: "schließt euch zusammen und holt euch ein Stück Strasse (Lebensraum) zurück".

Verkehr der Zukunft. Wie auch immer. Der Fahrradradfahrer ist kaum ein unterprivilegierter Personenkreis mehr und die Zukunft der Mobilität ist er (schon in einer alternden Gesellschaft) allemal nicht. Sowenig wie die handbetriebene "grüne" Schreibmaschine des Peter Mitterhofer wieder den stromfessenden PC ersetzen könnte. So besteht denn doch die Gefahr mit netten und sympathischen Projekten mehr von den Mobilitätsproblemen abzulenken als für deren vernüpnftige und gerechte Bewältigung zusammen zu rücken.

Modell für die Zivilgesellschaft. Dennoch darf man die Methode nicht allzuschnell klein reden. Man mag in ihr auch den Versuch sehen, Menschen für Engagement und Vertretung ihrer ureigensten Anliegen auf eine neue Art zu  mobilisieren. Montags-, Dienstags-, ... Donnerstagsdemonstrationen waren nicht wirklich neue und mobilisierende Formen, eher eine langweilige Form des NordicWalking. Für die Zivilgesellschaft sind die von den Critical Mass angewandten Techniken tatsächlich ein Erfahrungsschatz. Dies schon allein dann, wenn sie deren Proponenten daran erinnern, dass Sponsoren zu gewinnen, Umwelt- und sonstige Alternativlabels  zu vermarkten, Rauchfänge zu bewimpeln und Pressekonferenzen fast immer das Gegenteil von  "Bewegung" darstellen.

Bewegung. Es ist nämlich allemal Politik, sich frei zu versammeln, eine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Nicht umsonst ist ihr rechtlicher Rahmen weniger die Strassenverkehrsordnung sondern Meinungs-, Demonstrations- und Versammlungsrecht. Was daraus wird, das liegt an den Teilnehmern und Initianten selber und bleibt diese Art der Veranstaltung so auch sympathisch, solange die von Berufs wegen Politikbegeisterten und die  Massenmobilisierungstheoretiker nicht das Zepter in die Hand nehmen.

[citizen|bürgerInnen|citoyen]⇒

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